Letters from Chicago
Von Straßenkäufen und Einkaufsstraßen
Woche eins, Teil zwei: Thomas und Kathi richten sich ein und erkunden das Zentrum ihrer neuen Stadt.
Wenn man beim Umzug auf fünf Koffer beschränkt ist, haben die ersten Tage zwangsläufig eine Spur des Charmes eines Camping-Urlaubs. Um Abhilfe zu schaffen, haben Gordon und Anne uns am Donnerstag nachmittag ins Auto geladen und zu Target kutschiert, einem riesigen Warenhaus: Im Erdgeschoss gibt es Klamotten und Essen, während der erste Stock die Krusch & Krempel-Abteilung bei IKEA blass aussehen lässt: Töpfe, Pfannen und sonstige Küchenutensilien in zig Variationen, Kissen, Decken und Bettwäsche, alles fürs Bad, kleinere und größere Elektrogeräte - und die meisten Sachen gleich in praktischen Starter-Kits für Studienanfänger und frisch Zugereiste. Kurz gesagt: Target hat so ziemlich alles, und wir haben dort auch so ziemlich alles gekauft.
Um unsere Sammlung weiter zu vervollständigen, haben wir am Samstag morgen dann einige der typisch amerikanischen "yard sales" ausprobiert: Dabei stellen Hauseigentümer allerlei alte Möbel und Kisten in den Vorgarten und verkaufen ihre Schätze für ein paar Kröten an Passanten. In unserer Nachbarschaft gab es am Samstag allein drei solcher Privat-Flohmärkte, die durch Aushänge an Laternenpfählen angekündigt werden. Abgefallen sind dabei unter anderem ein altes Fahrrad für Kathi und ein Stapel Bücher und Noten für Thomas (verkaufen die eine gut erhaltene Gesamtausgabe von Beethovens Streichquartetten für 10¢, ich kann's immer noch nicht fassen...).
Nachmittags haben wir dann zwei der bekanntesten Viertel Chicagos erkundet: Als erstes den "Loop", den äußerst geschäftigen inneren Kern der Stadt, der seinen Namen daher hat, dass er wie mit einer Schleife von der geräuschvollen Hochbahn "El"(evated) umgeben ist. Hier ist der Platz so knapp, dass selbst die Hauptkirche der Methodisten als Hochhaus erbaut wurde, das dann tatsächlich in einem Kirchturm gipfelt! Welch ein Kontrast zu unserem Viertel Hyde Park, in dem normale Einfamilien- und Reihenhäuser dominieren und das mit der Vorort-Bahn "Metra" nur gute zehn Minuten vom Zentrum entfernt liegt.
Eine Besonderheit des Loops sind die zahlreichen Kunstwerke, die trotz der extrem dichten Bebauung im öffentlichen Raum zu finden sind. Künstler wie Picasso, Miro und Chagall haben hier teils monumentale Plastiken geschaffen - Picasso hat der Stadt seinen über 160 Tonnen schweren Stahl-Pavian (unsere Interpretation, offiziell hat die Statue keinen Titel und wird einfach "Chicago Picasso" genannt) sogar unentgeltlich gestiftet.
Schließlich ging es noch weiter nördlich an den Chicago River und die "Magnificent Mile", die prunkvollste Einkaufsstraße der Stadt. Und auch hier wurde an öffentlicher Kunst nicht gespart, im Großen (so die Statue "God bless America", mit der der Bildhauer die beiden Figuren aus dem Bild "American Gothic" zum Leben erweckt) wie im Kleinen (so die mit Moos verkleideten Sportler-Figuren in den Blumenrabatten, die lokalen Olympia-Teilnehmern Tribut zollen). Nimmt man nun die in Hyde Park erstandenen Noten, die Monumente im Loop und die Statuen an der Magnificent Mile zusammen, so lautet das heutige Fazit wohl: Drei-Viertel-Kunst.
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Links: Der Chicago Picasso mit Kathi zum Größenvergleich. |
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Kategorien: Dreiviertelkunst Chicago

