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Letters from Chicago

28. April 2010

Leaving New York


I want to be a part of it...

Gerade noch rechtzeitig hatten meine Schwester und ihr Freund es über den großen Teich geschafft, bevor die berüchtigte Aschewolke den Flugverkehr lahmlegte. Nachdem sie Chicago dann hinreichend erkundet hatten, ging es am Donnerstag zu viert in "die Stadt, die niemals schläft": New York City.

Praktisch auf Anhieb konnte ich nachfühlen, warum die Stadt für so viele ihrer Bewohner DIE Stadt ist und warum ihr im Laufe der Jahre so viele Künstler liebevolle Lieder, Filme, Bilder und Bücher gewidmet haben: Es ist einfach wunderbar mitten drin zu sein, wenn so viele Menschen aus so vielen Ecken der Welt auf so engem Raum so erstaunlich friedlich zusammenleben. Kein Wunder, dass einer der zahllosen Spitznamen der Stadt "Caput Mundi" lautet, "Hauptstadt der Welt".

Zu dem begeisternden ersten Eindruck mag auch beigetragen haben, dass wir an den ersten zweieinhalb Tagen perfektes Wetter hatten - einen strahlend blauen Himmel und Sonnenschein bei rund 20 Grad, so dass wir ganz in Ruhe den Central Park durchstreifen konnten. Geschafft haben wir trotzdem nur einen Bruchteil der "grünen Lunge" Manhattens, die insgesamt sieben U-Bahn-Haltestellen lang ist: Im mittleren Teil gab es unter anderem einen Teich voller Schildkröten, große Bronze-Denkmäler für Alice im Wunderland und Hans-Christian Andersen und "Strawberry Fields", einen Gedenkgarten für John Lennon, der in einem Hauseingang unmittelbar neben dem Central Park erschossen wurde.

Am zweiten Tag besuchten wir zunächst die Baustelle, an der auf dem Grundriss der Twin Towers zwei Wasserflächen entstehen sollen - wenn alles gut geht, wird das Denkmal am 11. September 2011 auf den Namen "Reflecting Absence" getauft; direkt daneben entsteht das neue "One World Trade Center" - ein Einzelturm diesmal, dessen Antenne aber in Erinnerung an die Unabhängigkeitserklärung die symbolische Höhe von 1776 Fuß erreichen soll.

Nach einem Besuch der St. Paul's Church, die trotz ihrer Lage direkt neben Ground Zero bei den Angriffen intakt blieb und in der eine Ausstellung an die Toten und die Helfer des Anschlags erinnert, fuhren wir mir der Fähre an der Freiheitsstatue vorbei und besuchten auf Staten Island - als Kontrastprogramm zum hektischen Manhattan - ein abseits gelegenes und nicht ganz leicht zu findendes Museum, das die größte Ausstellung tibetanischer Kunst außerhalb Tibets bietet: Einen einzelnen Raum in einem nachgebauten buddhistischen Kloster.

Am Sonntag stellten wir uns schließlich bei Nieselregen um den halben Block herum beim Museum of Modern Art an - wie sich herausstellte, war der Andrang aber gar nicht primär der exquisiten Sammlung von Meisterwerken van Goghs, Picassos, Dalis, Mondrians, Matisses, Warhols und vielen anderen geschuldet, sondern hauptsächlich der Tim Burton-Sonderausstellung, die gerade ihren vorletzten Tag hatte. Obwohl die Karten speziell für dieser Ausstellung zeitlich kontingentiert waren, konnte man sich dort im Grunde nur hindurchschieben, während man eine bunte Sammlung von alten Notizblocks, Cartoons aus allen Lebensphasen, sowie dreidimensionalen Modellen, Requisiten und Kostümen aus Filmen betrachtete und ca. einmal pro Minute Zeuge wurde, wie der arme Wachtmann wieder mal "No Photos! No Cell Phones!" blaffen musste.

Mit der Zeit löste dann aber Michael Stipes "Leaving New York" Frank Sinatras "New York, New York" als Ohrwurm ab, denn wir mussten wieder zurück nach Chicago. Fast ein wenig schade, denn New York empfand ich in mancher Hinsicht als angenehmer: Schwer zu sagen, an was es eigentlich liegt, aber obwohl auch dort jede ethnische Gruppe ihr eigenes Viertel hat, fühlt es sich dort wenigstens etwas integrierter an. Vielleicht hat es mit Banalitäten zu tun wie der, dass sich Fremde in der U-Bahn auch dann mal zwanglos neben einen setzen, wenn sie nicht zufällig die gleiche Hautfarbe haben wie man selbst. Vielleicht auch daran, dass die Kriminalitätsrate deutlich geringer ist und man einen größeren Teil der Stadt zu Fuß erkunden kann, ohne dabei ständig von einem Gefühl der Unsicherheit begleitet zu werden. Vielleicht daran, dass die Obdachlosen ebenso Teil des Stadtbilds sind, aber weniger aufdringlich betteln.

Aber natürlich ist alles insgesamt auch nochmal mindestens eine Nummer hektischer, chaotischer, größer und teurer als in Chicago. Außer natürlich den Wolkenkratzern - da ist unser guter alter Willis Tower nach wie vor der höchste der westlichen Welt. Als besonderen Gimmick hat er letztes Jahr im 103. Stockwerk vier komplett gläserne Balkone spendiert bekommen. Hier die Beweisfotos - eine Galerie über New York reichen wir bei Gelegenheit nach!

Dort oben... ...gibt es zwei Engel für Charlie...
...und zwei Männer mit Weitblick.

Geschrieben von: thomas
Kategorien: Dreiviertelkunst Chicago 
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