Letters from Chicago
Über kurz oder lang
Im Flieger bleibt viel Zeit zum Lesen: Kleine Auswahl gefällig?
Zunächst einmal geht es heute über "kurz": Da die Short Story in der amerikanischen Literatur fest verankert ist und ich Kurzprosa ohnehin recht gerne mag, habe ich die von zwei Zeitgenossen geprüft und für lohnend befunden. Auf den vielen Flügen in den letzten Wochen blieb außerdem Zeit für "lang": Zwei richtig dicke Wälzer. Zum Abschluss gibt es noch ein Betthupferl.
Humor ist, wenn man trotzdem lacht
Die Titelseite des "New York Times Book Review", den ich mir kurz nach unserem Umzug gekauft hatte, besprach begeistert den neuen Roman einer Autorin, deren Namen ich bei der Gelegenheit zum ersten Mal las: Lorrie Moore. Mein Interesse war geweckt, doch um sie kennenzulernen, wählte ich den Kurzgeschichtenband "Birds of America", mit dem sie bei Kritikern und Publikum Erfolge gefeiert hatte und auf den sie dennoch eine 10-jährige Schaffenspause folgen ließ.
Ein Höhepunkt des Bandes ist die preisgekrönte Geschichte "People Like That Are The Only People Around Here": In der Ich-Perspektive erzählt sie von einer Mutter, bei deren Baby Krebs diagnostiziert wird und geht - dieser Kalauer sei erlaubt, denn Moore selbst spickt ihre Erzählungen mit zahllosen Gags dieses Kalibers - ganz schön an die Nieren. Nicht nur das Leid ihres Kindes macht der autobiographisch gefärbten Protagonistin zu schaffen, sondern auch die Atmosphäre auf der Kinderkrebs-Station: Ein krampfhafter Optimismus bei vollständiger Humorlosigkeit.
Humorlosigkeit kann man Moore nun wirklich nicht vorwerfen, egal ob es um wahre Schicksalsschläge geht, eine durch den Tod der Katze ausgelöste Depression oder - hier finde ich ihren Stil am passendsten - um die Schilderung des ganz normalen Lebens: Wenn etwa in "Charade" die erwachsenen Kinder mit ihren Partnern über Weihnachten zu den Eltern zurückkehren und deutlich wird, wie sehr sie sich im Laufe der Zeit auseinandergelebt haben, oder wenn in "Which Is More Than I Can Say About Some People" eine schon lange verheiratete Frau ihre Mutter nach einer gemeinsamen Reise durch Irland zum ersten Mal als gleichberechtigte Erwachsene wahrnimmt. Streckenweise ist Moore hier schlichtweg brilliant, während ihr häufig unübersetzbarer Sprachwitz an anderen Stellen etwas aufgesetzt wirkt. So sind alle zwölf Geschichten routiniert und handwerklich sauber geschrieben - nach ihrem Anglistik-Abschluss hat Moore noch kreatives Schreiben studiert - aber neben einigen wirklich prachtvollen, farbenfrohen und imposanten Vögeln bevölkern "Birds of America" auch einzelne Tiere, die nach dem Lesen eher spurlos davonflattern. Dreiviertelkunst.
Lorrie Moore, "Birds of America", 291 Seiten, Picador, 1998.
Düstere Aussichten
Adam Haslett wurde mir von einem Freund aus dem hiesigen Unichor empfohlen, der den Schriftsteller auch persönlich kennt. In der Bibliothek wählte ich spontan den Kurzgeschichtenband "You are not a stranger here", mit dem Haslett seinen viel beachteten und wohlwollend besprochenen literarischen Einstand gab.
Bereits die erste Geschichte, "Notes to My Biographer", zog mich unmittelbar in ihren Bann: Lebhaft und authentisch erzählt der rund 30-jährige Autor in der Ich-Perspektive von einem gut 40 Jahre älteren Erfinder, den es in seiner manischen Stimmung kein bisschen beunruhigt, dass er mit seinem Verhalten alle Menschen um sich herum vor den Kopf stößt und dass seine vermeintlich genialen Eingebungen in Wirklichkeit nur Hirngespinste sind. Diese Geschichte ist zugleich die unbeschwerteste des ganzen Buches, denn ihr Protagonist zeigt zumindest weder Einsicht in seine Krankheit noch irgend eine Form von Leidensdruck. Alle folgenden Erzählungen lesen sich deutlich düsterer: Fast alle drehen sich um psychische Krankheiten, Alter oder Tod, in vielen ist der Protagonist zudem homosexuell und unfähig eine erfüllende Beziehung einzugehen.
Atmosphärisch, eindringlich und fesselnd geschrieben sind die Geschichten durchweg, auch wenn die eine oder andere ein wenig ins Sentimentale abdriftet. Von dem ausgeflippten Opa zu Beginn einmal abgesehen, sind es jedoch ausschließlich Variationen in Grau. Gibt es dennoch so etwas wie einen Lichtstrahl in dieser Dunkelheit? "Du bist hier kein Fremder" bekommt eine der Figuren von einer älteren Frau gesagt, die seine schwere Depression mit diagnostischem Blick sofort erkannt hat und ihm wenig später davon erzählt, wie sie als Krankenschwester im Krieg die Betten tödlich Verwundeter stets dicht nebeneinander gestellt habe: Helfen konnte ihnen niemand, aber sie zogen Trost daraus, ihre Geschichten auszutauschen und dabei das Gefühl zu haben, von ihrem Gegenüber verstanden zu werden. "Du bist hier kein Fremder" leuchtet auf dem Buchdeckel auch dem Leser entgegen und einen ähnlichen Trost mag sein einfühlsamer, weder beschönigender noch wehleidiger Stil Menschen bieten, die sich tatsächlich in einer solch extremen Situation befinden. Dem Rest von uns mag die Sammlung das Bewusstsein dafür schärfen, wie gut es uns eigentlich geht. Dreiviertelkunst.
Adam Haslett, "You are not a Stranger Here", 240 Seiten, Doubleday, 2002.
Unverhoffte Harmonie
"Hast Du etwas bei Amazon bestellt?" fragte Kathi mich eines Nachmittags im August ganz aufgeregt per Telefon. Das hatte ich nicht, aber dafür hatte ich gleich eine Ahnung, wer auf die geniale Idee gekommen sein könnte, mir per Internet-Bestellung in den USA ein Geburtstagsgeschenk zukommen zu lassen: Martin aus unserem Saarbrücker Chor.
Passenderweise hatte er "The Time of Our Singing" ausgesucht, in dem Gesang - sowohl gemeinsamer als auch solo - eine zentrale Rolle spielt. Verflochten ist die sehr glaubwürdig vermittelte Begeisterung für Musik mit physikalischen Betrachtungen über das Phänomen der Zeit und Problemen des amerikanischen Rassismus - insbesondere den Herausforderungen, denen sich Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts ein aus Deutschland emigrierter Jude und eine Afroamerikanerin zu stellen hatten, wenn sie eine Familie gründen wollten. Den Rahmen dafür bietet eine über drei Generationen angelegte und nicht chronologischen erzählte Familiensaga: Vom normalen Leben einer afroamerikanischen Mittelschichtfamilie über die Hochzeit ihrer Tochter mit einem immigrierten Physiker bis zu deren drei musikalisch hochbegabten Kindern und ihren völlig unterschiedlichen Lebenswegen.
Es ist ein enorm ambitioniertes Projekt, das der Autor Richard Powers sich vorgenommen hat. Herausgekommen ist ein Wälzer, in dem man zumindest als Laie einiges über Musik, Relativitätstheorie und amerikanische Geschichte lernt. Trotzdem hat es mehrere Monate und ungezählte Anläufe gedauert, bis ich das Buch schließlich zu Ende gelesen hatte und bis zum Ende blieb der intellektuell aufgeschlossene und nie seinen Stolz preisgebende Großvater die einzige Figur, die mir wirklich ans Herz gewachsen ist. Vielleicht war es die Absicht des Autors, den Leser die Konstruiertheit seines Kunstwerks spüren zu lassen, damit er nicht zu sehr mitfiebere, sondern über den angeprangerten Rassismus nachdenke und dagegen tätig werde - aber hätte es dazu über 600 Seiten bedurft? Lebendiger und mitreißender hätte es den Roman gemacht, das eine oder andere sorgsam recherchierte Detail oder manche der uferlosen Metaphern und Adjektive auszulassen, mit denen er regelmäßig musikalische Aufführungen beschreibt, und sich statt dessen ein wenig stärker dem Innenleben und den Motiven seiner Figuren zu widmen. Fundierte Halbkunst.
Richard Powers, "The Time of Our Singing", 640 Seiten, Picador, 2003.
Korrekte Entscheidung
Während unseres USA-Aufenthalts wollte ich mir endlich einen eigenen Eindruck von einem Roman verschaffen, der eine angeblich typische Familie in der Provinz des mittleren Westens beschreibt, der manchen Kritikern als bestes Buch des Jahrzehnts galt und anderen als hoffnungslos überschätzt: Jonathan Franzens "The Corrections". Nach dem Kauf blieb das Buch jedoch noch eine ganze Weile ungelesen, denn die ersten paar Seiten wimmeln nur so von überstrapazierten Metaphern, platter Symbolik und undurchdringlichen Schachtelsätzen. Erst als mir für einen Langstrecken-Flug keine andere Lektüre in die Hände fiel, kam ich über die Einleitung hinaus und schon im nächsten Kapitel führt Franzen einen verkopften Möchtegern-Schriftsteller ein, der die ersten sechs Seiten eines Hollywood-Skripts mit einem literaturwissenschaftlichen Monolog füllen möchte und es für einen genialen Kunstgriff hält, den Zuschauer auf diese Weise zunächst bewusst abzuschrecken.
Es ist nicht die einzige Stelle, an der einem der Autor zuzuzwinkern scheint. Franzen hat Humor, auch wenn einem das Lachen zumeist im Halse stecken bleibt: Mit einer bewundernswerten Beobachtungsgabe und Authentizität stellt der Roman eine zutiefst dysfunktionale Familie vor und die erfolglosen oder gar kontraproduktiven Versuche der Kinder, die krankhaften Verhaltensmuster in ihrem eigenen Leben zu korrigieren, während ihr Vater körperlich wie geistig zusehends zum Pflegefall wird. Obwohl alle Figuren schwere charakterliche Macken haben und keine von ihnen völlig sympathisch ist, werden sie doch so einfühlsam und plastisch dargestellt, dass es auch nach fast 600 Seiten noch schwer fällt, sich wieder von ihnen zu lösen.
Äußere Handlung gibt es kaum: Die Mutter der Familie versucht ihre Kinder und Enkel zu einem "letzten Weihnachten" im Elternhaus zu versammeln, darum herum hat jedes der längst erwachsenen Kinder einen kleinen Handlungsstrang mit Rückblenden in die eigene Jugend. Allein für dieses Familienportrait lohnt sich der Roman bereits und als habe er Angst, der Leser könne sich damit zufriedengeben, lässt Franzen ihn über überspitzte Handlungsdetails und halluzinierte sprechende Fäkalien stolpern, um ihn darauf zu stoßen, dass es ihm um mehr geht: Um Werte und Widersprüche der amerikanischen Gesellschaft. Um harte ehrliche Arbeit und schnelles Geld an der Börse. Um globalisierten Raubtier-Kapitalismus, neue Technologie und die Möglichkeit, durch chemische Eingriffe - sei es als Medikament oder Droge - das menschliche Denken zu "korrigieren". Themen, zu denen das Buch in den letzten neun Jahren nichts an Aktualität eingebüßt hat. Sicher gibt es Dinge, die man zurecht kritisieren kann an diesem Roman und man kann fragen, ob die Verknüpfung seiner Handlung mit gesellschaftlichen Betrachtungen nicht subtiler möglich gewesen wäre. Doch dass Franzen es geschafft hat, mich in seiner Romanwelt gefangen zu halten, obwohl sie von literarischer Selbstreflexion nur so strotzt, macht das Buch bemerkenswert und ist in meinen Augen kunstvoll.
Jonathan Franzen, "The Corrections", 576 Seiten, Picador, 2001.
Hier steppt der Bär
"100 Bücher für einen Abend" versprach der in der Bibliothek ausgestellte Leseführer, und nach einem leichten Leckerbissen für zwischendurch stand mir gerade der Sinn. Von der Beschreibung her schien "The Bear Went Over the Mountain" da genau richtig, und zur Ausleihe bereit stand das Buch auch gerade.
Ein Literaturprofessor schreibt in einer abgeschiedenen Waldhütte einen Bestseller und versteckt das Manuskript unter einem Baum. Ein Bär stiehlt es und vollzieht somit einen Rollentausch: Der Bär feiert literarische Erfolge und erfreut sich an den Vorzügen des kultivierten Stadtlebens. Der wahre Autor gibt unterdessen, vor Kummer gebrochen, alle intellektuellen Ambitionen auf und ergibt sich in ein naturverbundenes und ereignisloses Landleben.
Im Grunde ist damit bereits die komplette Geschichte erzählt und auch das Kaliber der Gags angedeutet: Der Humor ergibt sich aus dem Auftreten des Bären, der sich seiner Natur gemäß hauptsächlich für Futter, Weibchen und gelegentliches auf-dem-Rücken-Rollen interessiert und den Reaktionen seiner Umwelt, die ihn aufgrund seines brummigen Auftretens als neuen Hemingway feiert. Obwohl die Gags im Grunde vorhersehbar sind, oft slapstickhaft wirken und zum Teil unverblümt unter die Gürtellinie zielen, sind viele davon so geschickt aufgebaut und vorbereitet, dass ich während der Lektüre öfter mal laut lachen musste. Insgesamt ein unterhaltsamer Zeitvertreib für einen Abend, an dem man eigentlich für alles andere zu müde ist. Dreiviertelkunst.
William Kotzwinkle, "The Bear Went Over the Mountain", 307 Seiten, Doubleday, 1996.
Kategorien: Kunstvoll Chicago