Letters from Chicago
O! Say Can You See...
Wir feiern 234. Geburtstag.
Vierter Juli und dritter Oktober hören sich doch eigentlich ganz vergleichbar an und in irgend einem abstrakten Sinne sind sie das wohl auch. Dann aber auch wieder gar nicht.
Die amerikanische Küche ist ein so wichtiger Ausdruck amerikanischer Identität, dass sie sogar schon in den 10 Tagen vor dem vierten Juli zelebriert wird, und zwar mit einem riesigen Festival in Grant Park. Sein Name "Taste of Chicago" ist wörtlich zu nehmen, denn tatsächlich dominiert hier die bodenständige Küche Chicagos: Hauptsächlich gibt es Hot Dogs, Spare Ribs, Cheeseburger und die für Chicago typische gefüllte Pizza, quasi eine Quiche aus Pizzateig, die mit einer gehaltvollen Tomatensoße, Wurststückchen, Zwiebeln und Käse gefüllt wird und es tatsächlich schafft, alle zuvor genannten Gerichte in Punkto Mächtigkeit noch zu schlagen. Im Grunde also nichts anderes, als man es auch an den restlichen 355 Tagen im Jahr an jeder Straßenecke ein ganzes Stück günstiger zu kaufen bekäme, und doch zieht die Veranstaltung jedes Jahr mehrere Millionen Besucher an und ist somit - Wikipedia lügt ja bekanntlich nicht - das größte Fressbuden-Festival der Welt. Wir haben uns vorsichtshalber nur mit zeitlichem Sicherheitsabstand zum vierten Juli dorthin getraut und uns bei 30 Grad im Schatten (die mangels desselben jedoch einen rein hypothetischen Wert darstellten) für gegrillten Maiskolben und eine tatsächlich sehr leckere Eistüte entschieden.
Auch Musik stiftet Identität, und so gab es am Vortag des Independence Day ein sinfonisches Open-Air-Konzert zu Ehren Amerikas. Während wir von unserem ersten Konzert im Millenium Park vor fast einem Jahr noch leicht befremdet heimgekehrt waren, haben wir uns inzwischen voll eingelebt und beim Wok-Mann noch schnell kühlen Eistee und ein kleines Picknick besorgt, bevor wir es uns vor der Bühne auf unserer Decke gemütlich gemacht haben. Geboten wurde hauptsächlich leichte und unterhaltsame Musik, teils aus Musicals, auch eine Suite aus amerikanischen Volksliedern. Der Schwerpunkt lag natürlich bei Amerikanern, aber hier und da kam auch ein Europäer zu Wort, wie etwa Dvořák mit einem Satz aus seiner Sinfonie "From the New World". Nicht zuletzt war den Ansagen des Dirigenten deutlich anzuhören, dass er aus Irland stammte. Passenderweise hatte er noch eine Riverdance-Tanzgruppe mitgebracht, deren Einlage aus unserer Perspektive besonders faszinierend war: Die Beine der Tänzer, die sich in irrsinnigem Tempo bewegten, und ihre fast statischen Oberkörper erschienen durch das Zeltdach über dem Mischpult getrennt und so wirkte es fast so, als seien bei einem missglückten Zaubertrick ein paar Damen ohne Unterleib verkehrt wieder zusammengesetzt worden.
Am Sonntag wollten wir dann selbst ein wenig die Beine bewegen und fuhren mit dem Zug ans eine Stunde entfernte Südufer des Lake Michigan, wo der Wind hohe Sanddünen aufgetürmt hat, die inzwischen mit Gräsern und zum Teil auch mit Bäumen bewachsen sind. Imposant sind so 15 Meter hohe Dünen ja; allerdings wurde uns ziemlich bald klar, dass es - trotz freundlicherweise vorhandener Treppen - nur begrenzt spaßig ist sie zu erklettern, während man ununterbrochen dem brüllenden Sonnenschein ausgesetzt ist: So ähnlich muss es sich anfühlen, tagsüber durch die Wüste zu wandern. Statt dessen haben wir dann eins der raren Schattenplätzchen am Strand ergattert und uns - passend zum Independence Day - ein blau-weiß-rotes Wassereis gegönnt.
Den krönenden Abschluss von "Taste of Chicago" bildete traditionell ein riesiges Feuerwerk, das auf Höhe des Grant Park über dem Lake Michigan abgebrannt wurde. Allein - nach der Wirtschaftskrise fehlte dieses Jahr das Geld. Nicht unbedingt für die Raketen, sondern für das immense Aufgebot an Polizei-, Rettungs- und Reinigungskräften, die nötig werden, wenn sich eine Million Menschen am selben Ort aufhalten. Darum hat der Bürgermeister beschlossen, dass dieses Jahr nicht die Leute zum Feuerwerk, sondern das Feuerwerk zu den Leuten kommen soll und es kurzerhand auf drei kleinere Veranstaltungen aufgeteilt, die entlang des Seeufers stattfanden. Für uns war das gar nicht mal so übel, denn statt des zweifelhaften Vergnügens, sich in eine so riesige Menschenmasse zu stürzen, konnten wir den heimischen Wohnzimmersessel vors Fenster schieben, das Radio auf den Sender drehen, der die passende Musik ausstrahlte, und von unserem 13. Stock aus einen völlig unverbauten Blick auf das "South Side"-Feuerwerk genießen, das ein paar hundert Meter entfernt abgebrannt wurde. In diesem Sinne: God Bless America!
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Links: Auf dem aufsteigenden Ast. |
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Kategorien: Viertelkunst Chicago

