Letters from Chicago
Wo die hippen Kerle wohnen
Ein Ausflug ins angesagteste Viertel Chicagos.
Schon länger nichts mehr gehört? Schon länger nichts mehr passiert! Um ihrem Chef pünktlich zum Ende unseres ersten Chicago-Jahrs eine Rohfassung ihrer Diss schicken zu können, hat Kathi die letzten Wochenenden und auch so manche Nacht durchgemacht, und so habe auch ich mich nach all den lieben Besuchen und spannenden Reisen mal wieder auf meine Arbeit konzentriert.
Hier in Hyde Park fällt das auch nicht weiter schwer, denn auch wenn Chicago ja an sich schon eine etwas größere Stadt ist, sind die Blöcke um die Universität herum durch ihre eher ungemütlichen Nachbarviertel vom "Rest der Welt" abgeschirmt und bemerkenswert beschaulich. So richtig ins Auge fällt das besonders, seit die Semesterferien begonnen haben und mit den Studenten auch ein Großteil des kulturellen Lebens in Hyde Park verschwunden ist.
Zeit also, endlich mal die etwas weiter entfernten Viertel im Norden der Stadt zu erkunden, in die es uns bisher nur gelegentlich mal verschlagen hat. Da traf es sich gut, dass genau dieses Wochenende in Wicker Park ein großes Straßenfest war - mit alternativer Rockmusik auf drei Bühnen, "ethnic style" Schmuck und Kleidung, T-Shirts mit so ironischen Aufdrucken, dass extra jemand dafür angestellt war, sie den Vorbeigehenden zu erklären, sowie Car-Sharing-Mitgliedschaften und Seelenheil diverser Freikirchen zu Sonderkonditionen.
Daneben hatten auch die normalen Geschäfte auf - bzw. das, was in Chicagos "Hipster-Viertel" halt so als normales Geschäft gilt: "The Exchange" zum Beispiel, wo auf großen Flachbildschirmen "Waynes World" läuft und second hand nicht nur CDs, DVD-Boxen und Videospiele verkauft werden - in einer Auswahl, die jeden mittleren Saturn oder Media Markt blass aussehen lässt - sondern auch allerlei 20 Jahre alte Fanartikel und Merchandise. Daneben eine Eisdiele, bei der man sich seinen Eisbecher in Selbstbedienung zusammenstellt und nach Gewicht abrechnet, zahllose Bars und Restaurants (teils mit, teils ohne Karaoke), sowie Second-Hand-Kleider- und Buchläden, bei denen sich die überfrachteten Regalbretter zum Teil sehr bedenklich durchbiegen und es offenbar trotzdem mit großen Schildern verboten werden muss, die Regalwände zu erklettern.
Neben diesem eher naheliegenden Verbot hatte der Laden übrigens noch viele weitere interessante Regeln: So wiesen unzählige Schilder die werte Kundschaft darauf hin, dass falsch zurückgestellte Bücher für den nachfolgenden Kunden einen Dollar teurer gemacht werden und die beiden obersten Fächer der meisten Regale waren als "Lager" gekennzeichnet und folgerichtig mit einem Verbot versehen, die dort ausgestellten Bücher zu kaufen. Fotografieren durfte man diese kuriose Schildersammlung natürlich auch nicht - wie man durch eine dezente Collage erfuhr, bei der eine Kamera auf den Lauf einer Schrotflinte gesetzt war. Kathi wurde sogar bös zurechtgewiesen, als sie aus dem Fenster im ersten Stock heraus das bunte Treiben auf dem Straßenfest fotografieren wollte.
Wie gut, dass wir noch ein paar Fotos auf Lager hatten. Wer es noch nicht gesehen hat: Während Kathi vor ihrer Arbeit saß, habe ich es unter anderem endlich mal geschafft, ein paar unserer Fotos aus New York hochzuladen. Viel Spaß damit!
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Kategorien: Chicago Viertelkunst

