Letters from Chicago
Nächster Halt: Aktionskunst
Dieses Wochenende gab es eine abgefahrene Galerie.
Angefangen hatte unser Samstagabend ja noch ganz beschaulich - mit einer gemütlichen Grillparty im Garten eines Informatik-Profs. Als dort jedoch irgendwann auch der Nachtisch verdrückt war und die Moskitos uns zu vernaschen begannen, zog es Gordons Frau Anne noch in die Innenstadt, wo es dieses Wochenende eine außergewöhnliche Kunstaktion gab. Nach kurzer Überlegung zog es dann auch uns.
Acht Wagen der Hochbahn "L" waren von lokalen Künstlern für einen Tag zu einem mobilen Museum ausgestaltet worden, und weil in Amerika ja immer gleich alles ein Superlativ sein muss, wurde diese Sonderfahrt kurzerhand zur "größten mobilen Kunstausstellung der Welt" erklärt. Der Zug fuhr immer im Kreis um die Innenstadt herum, und vier Mal pro Runde bot ein Zwischenhalt die Chance, in einen anderen Wagen zu wechseln.
Dabei wurden nur wenige der Wagen zu Galerien, in denen man einfach so Malereien oder Fotografien betrachten konnte. Meist gab es Aktionskunst zum Mitmachen: So erwarteten uns gleich in einem der ersten Wagen Modedesigner - aufgedreht, gestyled und exaltiert, wie das Klischee es verlangt. Nachdem sie uns mit verschiedenen Accessoires ausgestattet hatten, wurden wir einzeln durch einen Vorhang geschickt, auf dessen anderer Seite das Blitzlichtgewitter von Fotografen auf uns wartete. Die harmlosere Variante waren Wagen, an deren Gestaltung man sich selbst beteiligen konnte - sei es durch Einfügen LED-beleuchteter Plastikbälle in eine Installation, sei es dadurch, dass man einen dicken Filzstift und ein Stück Pappe in die Hand gedrückt bekam und das entstandene "Kunstwerk" anschließend mit Klebestreifen am Wagen befestigte - wobei das schon fast etwas in Richtung Graffiti ging, dessen Verherrlichung im Rahmen der Aktion vom Betreiber der Bahn strengstens untersagt worden war.
Ein buntes und lustiges Event war es auf jeden Fall. Nur die Kunst blieb dabei vielleicht hier und da ein wenig - nun ja - auf der Strecke. Die Idee, einen der Wagen wie eine ganz normale Wohnung einzurichten, die von den Künstlern "bewohnt" wird, war ja zum Beispiel ganz witzig, aber es war den Darstellern doch anzumerken, dass ihnen vier Stunden nach Beginn der Veranstaltung so langsam etwas die Ideen ausgingen und auch bei dem armen Kerl, der sich entschieden hatte, fünf Stunden lang ununterbrochen Standup-Comedy zu bieten, war einfach schon die Luft raus, als wir gegen Ende seinen Wagen bestiegen.
So beende ich die heutige Außenreportage denn mal mit drei Worten, die wohl auch für die meisten der Künstler galten, nachdem sie ihre Installationen noch in derselben Nacht wieder aus den Wagen entfernen mussten: Zurück ins Studio!
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Kategorien: Dreiviertelkunst Chicago

