Letters from Chicago
Häuser und Boote
Bei beiden geht's hoch her.
Über Musik schreiben, so oder ähnlich sagt man, sei wie zu Architektur zu segeln. So will ich denn heute mal nicht über die beeindruckende Aufführung des Dvořák-Requiems berichten, der wir neulich im Millennium Park beigewohnt haben, sondern mich statt dessen auf Architektur und Bootsfahrten konzentrieren.
Zunächst einmal haben wir letzte Woche den Segeltörn auf Lake Michigan unternommen, auf den Kathi schon seit unserer Ankunft ganz wild war. Ein Internet-Super-Sonderangebot hatte die gut dreistündige Fahrt in eine erträgliche Preisregion gerückt, und so machten wir uns am Freitag letzter Woche zu einem der Jachthäfen auf - allerdings erfolglos, denn der Wetter-Radar zeigte ein schnell heranziehendes Gewitter, so dass wir gar nicht erst auslaufen konnten. Dafür haben wir es an dem Abend endlich in unseren ersten 3D-Kinofilm geschafft: Toy Story 3, der zwar inzwischen in einen der kleineren Säle verbannt, aber trotzdem noch unterhaltsam und liebevoll gemacht war.
Schon zwei Abende später war der nächste Termin frei. Auch diesmal war es gut windig, aber zum Glück trocken, so dass wir es uns zusammen mit vier anderen Gästen und unserem barfüßigen Captain auf einer 9-Meter-Jacht gemütlich machen konnten. So ein Sonnenuntergang hinter der Silhouette der erleuchteten Stadt ist vom See aus betrachtet schon etwas ganz besonderes. Als es schließlich düster wurde, machte mir der unruhige Seegang dann aber leider zu schaffen - Kathi als erfahrene Seglerin hatte zum Glück schon vorsorglich eine passende Tablette eingeworfen und blieb besserer Dinge. Da Segler so etwas wie eine weltweite Familie bilden, hat sie auch gleich eine Einladung eingeheimst, jeweils gegen eine Spende von ein paar Dosen Bier noch ein paar Mal bei der Mittwochsregatta auf einem echten Rennsegler mitzufahren, bis die Saison vorüber ist.
Ruhiger ging es auf unserer zweiten Bootstour zu, die wir ein paar Tage später unternommen haben: Die Chicago Architectural Foundation bietet Fahrten an, auf denen man vom Chicago River aus einige der markantesten Hochhäuser der Stadt bewundern kann und dabei von einem fachkundigen Begleiter über historische Hintergründe und Stilepochen informiert wird. Auf diese eindrucksvolle und spannende Tour ließen wir einen Ausflug in den großen Lego-Laden an der Magnificent Mile folgen, wo ich mir direkt noch eine Lego-Miniatur des Willis Tower zum Geburtstag geschenkt habe. Für manches Spielzeug ist Mann halt nie zu alt...
Doch das blieb nicht die einzige Begegnung mit Chicagoer Architektur: Als wir einige Abende später die DVD von "Stranger than Fiction" angeschaut haben, die Martin uns während seines Besuchs geschenkt hatte, kamen uns verschiedene Plätze und Bauwerke seltsam vertraut vor. Im Nachspann bestätigte sich unsere Vermutung: Der Film wurde komplett in Chicago gedreht! Auch wenn der Regisseur in dieser Hinsicht manchmal bewusst falsche Fährten legt, um klarzustellen, dass die Handlung in jeder beliebigen amerikanischen Großstadt spielen könnte - in einigen Szenen ist es unverkennbar und als Bonusmaterial gibt es denn auch ein Feature, in dem alle Drehorte auf einem Stadtplan eingezeichnet und nochmal nacheinander gezeigt wurden. Sehr genial und auch davon abgesehen ein lohnender Film!
Vorerst abgeschlossen haben wir die filmische Erkundung der Stadt schließlich im lokalen Programmkino. Die Kurzfilmreihe "Made in Chicago" war Teil des "Black Harvest"-Filmfestivals und zeigte die Stadt aus Sicht schwarzer Independent-Regisseure. Kathi fühlte sich an ihre Filmwerkstatt-Tage erinnert, aber vielleicht gerade weil die Filme über die Probleme gemischter Ehen, über Geldnot und Beschaffungskriminalität, aber auch über allgemein menschliche Themen wie Eifersucht oder den Verlust eines geliebten Menschen handwerklich zum Teil amateuerhaft wirkten, erschienen sie mir authentische Einblicke in das Leben von Menschen zu bieten, die einen großen Teil der Chicagoer Bevölkerung bilden, mit denen wir sonst aber kaum näher in Kontakt kommen. Wie sehr schwarz und weiß im Alltag für sich bleiben, ließ sich bei der Gelegenheit auch gleich wieder am Publikum ablesen, das fast ausschließlich aus Afro-Amerikanern bestand und "seine" Filmemacher frenetisch feierte.
Aber ich drifte ab und bevor ich thematisch noch weiter ins Schwimmen kommen, setze ich mal lieber Kurs auf die Koje und melde mich wieder, wenn es etwas neues gibt - ob nun an der Häuser- oder einer anderen Front. Ahoj!
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Kategorien: Fundierte Halbkunst Chicago


