Letters from Chicago
Alle Menschen werden Brüder
Kathi und Thomas besuchen ein gänzlich undeutsches Konzert eines bekannten deutschen Komponisten.
"Für diese Schweine spiele ich nicht!" soll Beethoven einmal wutentbrannt ausgerufen haben, als das Publikum während einer seiner Klavier-Aufführungen - wie zu seiner Zeit eigentlich relativ üblich - nicht nur speiste, sondern dabei auch lauthals schwatzte. Was Beethoven wohl von der Aufführung seiner 9. Sinfonie gehalten hätte, die wir heute abend besucht haben?
Der Millennium Park bietet im Sommer nicht nur das schon in einem früheren Eintrag erwähnte Kinofestival, sondern - ebenso umsonst und draußen - auch ein Programm hochrangiger klassischer Musik. Genauer gesagt gibt es dieses "Grant Park Music Festival" schon deutlich länger als den Millennium Park, nämlich seit stolzen 75 Jahren. Zum Abschluss dieser denkwürdigen Saison stand heute kein geringeres Werk auf dem Programm als Beethovens Neunte.
Die Atmosphäre war im Grunde genau die gleiche wie eine Woche zuvor beim Kino: Familien und Cliquen sitzen auf Decken im Gras oder haben sich Camping-Möbel mitgebracht und fahren aus der Kühlbox heraus mehrgängige Menüs samt einem guten Glas Wein auf. Eigentlich verständlich, denn um einen guten Platz zu ergattern, muss man sein Lager am besten mehrere Stunden vor Konzertbeginn aufschlagen.
Ein wenig irritiert waren wir dann aber doch, als sich an dieser Grundhaltung auch nach Konzertbeginn wenig änderte: Um uns herum war ein ständiges Kommen und Gehen; Kinder, die von ihren Eltern mitgeschleppt wurden und - verständlicherweise - wenig Geduld für eine derart monumentale Sinfonie mitbrachten, malten auf dem Bauch liegend Bilder oder unterhielten sich leise. Unser Nachbar machte eifrig Fotos und dachte auch beim fünften noch nicht daran, den albernen synthetischen "Klick" abzustellen, den sein Mobiltelefon dabei von sich gab. Katharina und ich waren uns einig, dass wir in der nächsten Saison versuchen würden, rechtzeitig vorher da zu sein, um zwei der raren (4.000) ruhigeren, da regulär bestuhlten Plätze direkt vor der Bühne zu erhaschen.
An fehlender Wertschätzung scheint es aber nicht zu liegen, wenn Teile des Publikums mitten in einer ruhigeren Passage ihre Subway- oder McDonald's-Tüten hervorkramen, denn die gleichen Leute klatschen frenetisch Beifall, und zwar nicht nur zwischen den Sätzen, sondern bisweilen auch beherzt mittendrin ("...und der Cherub steht vor Gott").
Doch letztlich trug die Musik an diesem Abend auch auf den "billigen Plätzen" einen klaren Sieg über Tüten-Knisterer und Feuerwehr-Sirenen davon: Sowohl das "Grant Park Orchestra" und der "Grant Park Chorus", beides reine Profi-Ensembles, als auch die Solisten lieferten eine beeindruckende Leistung ab, der sich spätestens im fulminanten Chor-Schlusssatz niemand mehr entziehen konnte. Und so blicken wir beim berühmten "Alle Menschen werden Brüder" im Zentrum des "Melting Pots" Chicago um uns und können uns nur schwer vorstellen, dass es einen Landstrich der Erde geben könnte, von dem kein Vertreter hier ist und sich von der Musik davontragen lässt - vom dem strahlenden Kleinkind, das wenige Meter vor uns von seinem Vater im Takt des "Seid umschlungen..." in die Luft geworfen wird ganz zu schweigen. Augenblicke nach dem Schlusstakt dann stehende Ovationen zwar nicht von Millionen, aber doch etlichen Tausenden - ob Beethoven sich das hätte träumen lassen?
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Links: Der Grant Park Chorus wartet auf seinen Einsatz. |
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Kategorien: Kunstvoll Chicago

