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Letters from Chicago

07. August 2011

Nichts zu verzollen


A letter from Tübingen.

Geschafft! Der Umzug aus Chicago hat einen guten Teil der vergangenen Wochen beansprucht, aber irgendwie ist dann doch noch alles gut gegangen: Unsere Möbel und ein Großteil unseres Hausrats sind verkauft, der Rest wurde in sechs Umzugskisten verpackt, zur Post gebracht und ist inzwischen schon als zollfreies Umzugsgut anerkannt und zugestellt worden. Auch den Rückflug mit Übergepäck haben wir überstanden - obgleich wir aus Kostengründen über Warschau fliegen mussten und dort ein irrer Teenager so lange seine Grenzen gegenüber Mitpassagieren und Flugbegleitern austesten musste, bis er von zwei Ninjas aus dem Flugzeug komplimentiert wurde. Dass die beiden es hinterher für nötig hielten, die Flugzeugtoilette nach Sprengstoff abzusuchen, erzeugte bei uns zunächst ein etwas mulmiges Gefühl, aber letztlich war es wohl doch nur ein harmloser Irrer.

In Tübingen wartete dann schon eine bezugsfertige Zwischenmiete auf uns: Die übers Internet aufgetriebene Wohnung eines Medizinstudenten-Pärchens, die in den Semesterferien ein Praktikum in Tansania machen. Die Suche nach einer dauerhafteren Bleibe stellte sich in der ersten Woche leider als einigermaßen frustrierend dar: Hohe Preise, geringes Angebot, und bei den raren halbwegs brauchbaren Wohnungen ist man nur einer von zig Bewerbern; so wie es scheint, werden die wirklich guten Wohnungen hier ohnehin unter Freunden oder Kollegen "vererbt". Vielleicht können wir in einem Jahr dann ja von einer solchen Gelegenheit profitieren, denn bis dorthin haben wir jetzt erstmal für eine zweite Zwischenmiete unterschrieben. Wieder ein Mediziner-Pärchen, diesmal in unserem Alter, bei denen es gleich für ein ganzes Jahr ins Ausland geht. Die hatten wohl schon länger nach vertrauenswürdigen Zwischenmietern gesucht, und so wurde uns der Vertragsabschluss mit einem fantastischen selbst gekochten Abendessen - im wahrsten Sinne des Wortes - schmackhaft gemacht. Nachdem wir unsere eigenen Möbel gerade zum zweiten Mal innerhalb von zwei Jahren zu studentenfreundlichen Preisen verkloppt hatten, hatten wir eigentlich auch gar nicht so recht Lust, schon wieder zu IKEA zu fahren.

Ansonsten kamen wir in unserer ersten Woche hier nicht ganz umhin, Chicago und Tübingen zu vergleichen: Der in Deutschland endlich eintreffende Sommer war nett, aber (zum Glück!) trotzdem rund 10 Grad kühler als das, was Chicago uns zum Abschied geboten hatte. Die Wärmegewitter sind ebenso nass, aber optisch deutlich weniger spektakulär als das Schauspiel über dem Lake Michigan. Die klassischen Konzerte sind kleiner, seltener und leider auch ausverkaufter als die des Grant Park-Festivals - wobei wir fairerweise dazu sagen müssen, dass Tübingen gerade voll im Sommerloch steckt: Konzertreihen, Tanzschulen, selbst der Döner- und Pizzamann um die Ecke machen den August über dicht. In einer 88.000-Einwohner-Stadt, die zu mehr als einem Viertel aus Studenten besteht, ist mitten in den Semesterferien wohl auch nicht viel anderes zu erwarten. Hätten wir in Hyde Park den Rest von Chicago nicht gehabt, hätte es dort im Sommer kaum anders ausgesehen.

Nachdem das am Wochenende angepeilte Konzert des Jugend-Sinfonieorchesters für uns also wegen Überbuchung ausfiel (obwohl wir - für unsere Verhältnisse extrem ungewöhnlich - schon in der Schlange standen, bevor die Türen überhaupt aufgingen), retteten wir uns aus dem strömenden Regen in den erstbesten Kinofilm. "Nichts zu verzollen" schien vom Titel her gut zu unserem Umzugserlebnis zu passen und "Von den Machern der Sch'tis" hörte sich eigentlich auch recht vielversprechend an, denn jene leichte Komödie über regionale Unterschiede innerhalb Frankreichs hatte sympathisch schrullige Figuren und einige köstliche Szenen zu bieten. Den Nachfolger fanden wir - obwohl er thematisch sehr nah am Original bleibt und nunmehr die Unterschiede zwischen Frankreich und dem französischsprachigen Belgien aufs Korn nimmt - leider zu flach, aggressiv und insgesamt eher bemüht als lustig. Während die provinziellen "Sch'tis" sich damals im Verlauf des Films als überaus liebenswert entpuppt hatten, werden die "Frittenfresser" hier bis zum Ende negativer dargestellt als die (wie man als Zuschauer fast zu denken verleitet wird: zurecht) hochnäsigen "Camemberts" und dass es zum Lachen sein soll, wenn jemand rektal Rauschgift schmuggelt oder seinem Kollegen in den Rücken geschossen wird, ist wohl auch eher Geschmacksache. Als gelungeneres Beispiel einer schwarzen Komödie lobe ich mir da "The Trouble with Harry", den wir zuletzt noch im Chicagoer Programmkino gesehen hatten.

Unsere "Letters from Chicago" enden somit, wie sie begonnen haben: Mit einem Eintrag über einen Kinofilm. Ob und in welcher Form es auf unserer Seite mit einem Blog weitergeht, steht noch nicht fest - Anregungen oder Kommentare dazu sind willkommen. Für kurze Statusupdates bin ich einstweilen bei google+ präsent; wer dafür gern eine Einladung hätte, schreibe mir doch einfach eine E-Mail. In diesem Sinne: Danke an die paar Handvoll treuen Leser und hoffentlich bis bald im wahren Leben!

Altes Apartment

Neues Apartment

Links: Unsere alte Wohnung, vor dem Auszug.
Rechts: Unsere neue Wohnung, vor dem Einzug.

Geschrieben von: thomas
Kategorien: Viertelkunst Chicago 
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